Interview mit Jasmin Richter

Stev Brauner, 10.Nov.2016

 

Jasmin, wir befinden uns jetzt gerade in deiner Trainingshalle und du stehst aktuell in der Vorbereitung für die Taekwondo-Weltmeisterschaft in Kanada. Du hast in der Vergangenheit viel trainiert und wirst in wenigen Tagen für Deutschland an den Start gehen.

 Was macht für dich den Reiz am Taekwondo aus, was ist der Unterschied zu anderen Kampfsportarten wie Boxen, Karate oder Judo?

Im Vergleich zu Boxen, Karate oder Judo ist Taekwondo ein sehr dynamischer Sport, enorm vielseitig und vor allem sehr schnell. Vor allem der Vollkontaktbereich – der ja auch olympisch ist – hat dadurch einen besonderen Reiz und ist interessant anzuschauen.

Man fährt ja nicht von heute auf morgen zur Weltmeisterschaft. Wie lange betreibst du deine Sportart jetzt schon?

Taekwondo mach ich nun schon fast so lang ich denken kann, seit mittlerweile 11 Jahren.  Angefangen habe ich im Alter von 5 oder 6 Jahren. Ab 2005 habe ich dann mit dem Training richtig angefangen.

Wie bist du überhaupt zum Taekwondo gekommen?

Meine beiden Eltern machen beide Taekwondo und so war auch ich von klein auf mit in der Halle dabei. Ich bin sozusagen in den Sport hineingeboren (lacht) – die Frage etwas anderes zu machen stellte sich damit eigentlich gar nicht.

Gutes Stichwort: Gab es denn für dich irgendwann eine Zeit, in der du dir vorstellen konntest, auch mal was anderes zu machen?

Ja klar, gerade am Anfang in der Grundschule und auch in der 5. und 6.Klasse habe ich noch viel nebenher gemacht. Später wurde Schule wichtiger, das Taekwondo Training intensiver, da blieb für andere Dinge dann keine Zeit mehr.

Wie bekommst du Training, Schule und Freizeit unter einen Hut?

Man benötigt als erstes ein sehr gutes Zeitmanagement und natürlich ein hohes Maß an Selbstdisziplin um das alles zu schaffen. Mir ist die Unterstützung meiner Schule sehr wichtig, die mir gerade bei längeren Aufenthalten in Trainingslagern oder bei internationalen Wettkämpfen, genug Zeit einräumt den verpassten Unterricht nachzuholen. In Bezug auf das Training habe ich zudem den großen Vorteil, dass ich regelmäßig zu Hause trainieren kann, was mir viele Fahrwege und damit Zeit erspart. So bin ich sehr flexibel und kann sagen: jetzt gehe ich trainieren, dann mach ich Schulzeug und später ggf. noch eine Trainingseinheit. Von der Freizeit ist dann eben nicht mehr viel übrig. Da braucht es vor allem Familie und Freunde die das verstehen, einen dabei unterstützen und auch nicht beleidigt sind wenn man keine Zeit hat.

Das heißt, du musst schon hier und da Abstriche machen bzw. deinen Tag ganz bewusst planen?

Ja, das ist schon so. Einfach zu sagen, jetzt ruh ich mich nach der Schule mal noch zwei Stunde aus oder ich gehe mit einer Freundin spontan shoppen, das geht dann eben nicht.

Ich habe vorhin gehört, dass du dich sehr freust am kommenden Wochenende tatsächlich mal Zeit gemeinsam mit einer Freundin zu verbringen – eine Ausnahme?

Ja, da freut man sich sehr darauf, weil man außer vieleicht in den Ferien, sonst ja eher keine Zeit für Freunde hat. Man sieht sich lediglich in der Schule. Es ist schon die Ausnahme, dass man wirklich mal ein ganzes Wochenende für sich allein hat und eben kein Training.

Da fällt es sicherlich schwer, wenn man das bei anderen sieht?

Ja schon, aber ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Wenn ich mir vorstelle das ich nachmittags nicht trainieren würde, dann wüsste ich gar nicht was ich mit der Zeit sonst machen würde. Es gehört für mich zu meinem Alltag dazu. Das ist wie wenn sich andere zwei Stunden vor den Computer setzen, so gehe ich halt trainieren.

Wie motiviert man sich, um ein so hohes Maß an Selbstdisziplin aufzubringen?

Ich find es wichtig das neben einem selbst noch jemanden gibt, der einen unterstützt und auch antreibt. Sich nur allein zu motivieren ist nicht immer einfach. Es gibt schon auch schwierige Tage, an denen man mal einfach nichts machen möchte. Dann ist da aber mein Papa – der ja zugleich auch mein Trainer ist- und sagt: „wir machen jetzt noch Training“ und dann macht man das auch. Bei mir ist so, dass ich mich vor allem mit anstehenden Höhepunkten oder Wettkämpfen motiviere. So ist die Teilnahme an der kommenden Weltmeisterschaft natürlich unheimlich wichtig. Genauso das Ziel nicht gleich im ersten Kampf „rauszufliegen“. Da ist völlig klar, dass ich dafür trainieren muss – sonst ist das einfach nicht möglich.

Das ist ein gutes Stichwort, denn du fliegst in wenigen Tagen nach Kanada zur Weltmeisterschaft. Du bist damit ein der wenigen Sportler die so etwas erleben dürfen und du bist gleichzeitig auch die erste  Thüringerin. Wie bereitet man sich auf eine Weltmeisterschaft vor?

Die Trainingsintensität und -häufigkeit ist deutlich höher, ansonsten ist die Vorbereitungsphase ähnlich wie zu allen  größeren Weltranglistenturnieren. Es geht vor allem viel eher mit der spezifischen Vorbereitung los, jeden Tag etwa zwei Stunden spezifisches Training, insbesondere Sparring.

Das Trainingspensum schließt dann auch Wochenenden und Feiertage ein?

Ja, das schließt alle Tag ein. In den Ferien dann auch zweimal am Tag, beginnend früh mich am Sandsack und weiter mit Ausdauer. Zusätzlich kommen dann die einwöchigen Trainingslager, die dann nochmal den Feinschliff bringen.

Du sprichst sicher von den Bundeskaderlehrgängen in Hennef. Wie muss man sich das vorstellen? Hier trainiert ja das deutsche Nationalteam mit den Bundestrainern, die euch …

… (lacht) die entsprechenden Anweisungen geben.

.. ich wollte eigentlich sagen: „den Rohdiamanten den letzten Schliff geben“. Erzähl mal: wie genau läuft das dort ab und wie anstrengend ist so was?

Anstrengend auf jeden Fall, wir trainieren mehrfach am Tag mit festgelegten Trainingsplänen: am Morgen zwei Stunden Pratze oder Sparring, am Nachmittag ist immer individuelles Training mit Ausdauer oder auch Kraft und am Abend nochmal Sparring mit elektronischer Weste. Zwischendurch kurz Essen und ausruhen. Insgesamt ist der Begriff „Trainingslager“ ist schon sehr gut gewählt: Es ist also nicht ein bisschen Freizeit oder so, sondern straffes Training, bei dem man sich immer in Bestform präsentieren muss. Gerade jetzt in der WM-Vorbereitung ist es wichtig auch dem Bundestrainer zu zeigen, dass er sich mit der Nominierung richtig entschieden hat. Darüber hinaus muss man sich beim Kadertraining natürlich immer auch in seiner Klasse durchsetzen. Jetzt vor der WM ist aber nur das WM-Startteam eingeladen.

In der WM startest du in welcher Klasse?

Ich starte in der Klasse der Junioren, 15-18 Jahre, bis 55 kg. Einen Platz den ich mir im Vorfeld bei vielen internationalen Turnieren und auch innerhalb des Bundeskaders hart erkämpfen musste.

Du sagtest man braucht viel Disziplin und es ist gut wenn man jemanden hat der einen dabei unterstützt. In deinem Fall ist ja dein Papa auch der Trainer – wie streng ist den der Trainer?

Ich würde schon sagen, dass der „Trainer“ streng ist …?!  Vor allem ist er sehr genau, achtet auch auf Kleinigkeiten und ist erst dann zufrieden, wenn es wirklich gut ist. Ich denke der Unterschied zu einem mir persönlich nicht so nahestehenden Trainer ist, dass er deutlich strenger sein kann. Ich glaube es ist einfach nochmal eine andere Trainer-Sportler-Beziehung ist. Er kennt mich dadurch besser und weiß wie er mit bestimmten Dingen umgehen muss. Mich dahin zu lenken, wo er mich sportlich hinhaben will.

Deine sportliche Karriere hat sich ja über einen langen Zeitraum entwickelt, welchen Anteil hat dabei dein Trainer hat?

Ich denke, dass der Trainer eine der wichtigsten Rollen einnimmt, auch eine die oft unterschätzt oder nicht genug gewürdigt wird. Ohne Trainer kann ein Sportler nicht erfolgreich werden, man wird nicht als erfolgreicher Athlet geboren, es muss jemanden geben der einen richtig anleitet und motiviert, vor allem auch wenn es mal nicht so gut läuft. Ohne meinen Trainer wäre ich nicht da wo ich jetzt bin.

Das wird ihn sicher freuen das zu hören.

Mal eine andere Frage: Abgesehen von den Turniererfolgen, nützt dir deine Sportart auch im normalen Leben?

Direkt eher nicht. Klar ist es so, dass in meiner Schule viele wissen was ich mache und mir mit einem gewissen Respekt gegenüber getreten wird. Es ist eben auch nicht ganz so gewöhnlich Kampfsport zu machen. Zur Selbstverteidigung anwenden musste ich das aber noch nicht, man hat aber im Hinterkopf, dass man das könnte was durchaus hilfreich ist.

Taekwondo kommt wie viele Kampfsportarten aus dem asiatischen Raum und verkörpert eine bestimmte Philosophie. Sprich: es sind damit konkrete Werte verbunden, die bei uns in Europa vielleicht nicht so ausgeprägt sind. In wie weit lebst du das als Sportlein?

Ein Wert der im Taekwondo vermittelt wird ist Toleranz anderen gegenüber, Respekt zu haben, Höflichkeit. Das sind Dinge die man aufnimmt, lebt und auch im Training wie im Alltag weitergibt.

Wir hatten ja vorhin bereits über dein zeitintensives Training gesprochen. Wie wichtig ist in deinem Leben der Sport, welchen Stellenwert hat er?

Einen sehr sehr hohen – ich würde ihn mit Schule gleichsetzten. Freizeit nimmt da einen wesentlich geringen Stellenwert ein. Aber Sport steht nicht hundertprozentig über allen anderen Dingen, ich versuche vor allem Sport und Schule gut zu verbinden. Das Abi ist natürlich sehr wichtig und bietet eine letztlich gewisse Absicherung, gerade wenn man studieren will. Mit Taekwondo kann man Deutschland nicht wirklich Geld verdienen.

Du bist eine sehr gute Schülerin, sogar 1er- Kandidatin auf dem Gymnasium. Nächstes Jahr schreibst du Abitur und willst dann studieren – wie passt das in deine sportliche und sonstige Lebensplanung. Geht beides überhaupt?

Ich werde nach der Weltmeisterschaft das Training etwas reduzieren um mich meinem Abi zu widmen. Da tritt der Sport erst mal etwas in den Hintergrund. Natürlich werde ich aber weiter regelmäßig auf internationalen Ranglisten-Turnieren starten. Seitens des DOSB-Olympiastützpunkts gibt es zudem die Laufbahnberatung für Leistungs- und Spitzensportler, die für Athleten ohne weiteres ermöglicht Sport und Studium miteinander zu verbinden.

Was ist dein aktuelles Studienziel?

Nach der Laufbahnberatung habe ich mich nochmal um entschieden, aktuell möchte ich Kommunikationswissenschaften und Psychologie studieren.

Was sind deine nächsten sportlichen Ziele, was planst du für die Zukunft?

In unmittelbarer Zukunft natürlich die Weltmeisterschaft und danach 2017 den Wechsel vom Jugend in den Seniorenbereich innerhalb des Bundeskaders. Dort gilt es dann die ersten Turniere zu bestehen und  auch innerhalb des Damen-Nationalteams Fuß zu fassen. Dann muss man weitersehen: auf jeden Fall will ich mich weiter voran arbeiten Richtung Euro bzw. WM. Und dann ist da ja auch noch das große Ziel Olympia, wie sicher für jeden Leistungssportler. Das ist schon ein großes Ziel für was man arbeitet.

Du sagtest gerade die Teilnahme an den Olympischen Spielen ist für jeden Leistungssportler ein wichtiges Ziel. Ab wann wurde für dich der Traum von „Olympia“ realer, greifbarer?

So richtig angefangen mit dem leistungsorientierten Training, das heißt mit Trainingsplan und zunehmender Intensität, habe ich in Vorbereitung meiner ersten Deutschen Meisterschaft 2011. Das zahlte sich dann zwei Jahre später aus als ich Deutsche Meisterin wurde. Nachfolgend wurde ich dann ja auch in den Bundeskader berufen, was nochmal eine Steigerung der Trainingsintensität und Häufigkeit mit sich brachte. Mit dem Deutschen Meistertitel rückte dann auch der Olympiatraum als neues Ziel in greifbare Nähe.

 

Gerade im Vorfeld der Olympiade sorgte das Thema Doping für viel Diskussionsstoff. Wie gehst du mit dem Thema Doping um?

Das ist ein schwieriges Thema und nicht zu verallgemeinern. Es ist für nahezu alle Sportarten ein großes Problem. Es gibt immer Sportler, die dopen oder durch die Kontrollen rutschen. Vor allem gerade in Ländern, in denen die Kontrollen der NADA oder WADA nicht so streng sind wie bei uns in Deutschland.

Letzte Frage: Ich weiß, dass du im Verein als Trainerin im Kinder-und Jugendbereich tätig bist und natürlich für viele auch Vorbild. Was gibst du jungen Sportlern mit auf den Weg?

Ich find es ist wichtig, dass man sich nicht von seinen Zielen abbringen lässt, nur weil es nicht gleich beim ersten Mal geklappt hat. Das, wenn man was erreichen will und Ziele hat, das auch ein langer Prozess sein kann. Auch wenn man zwischendurch mal zweifelt, sollte man unbedingt dranbleiben und daran festhalten. Letztlich zahlt sich die Arbeit auch irgendwann aus und man wird für das belohnt, was man investiert hat.

Liebe Jasmin, vielen Dank für das Gespräch. Das war ein sehr schönes Schlusswort, welches hoffentlich auch auf die Weltmeisterschaft zutrifft. Bereits die Nominierung war eine große Leistung – wir wünschen dir in Kanada maximalen Erfolg.