Gamsahamnida – Langnasen in einer anderen Welt

Regelmäßig organisiert die Korea Tourism Organization (KTO) Reisen nach Südkorea, um durch Vermittlung von Kultur und Lebensart Korea als Reise- und Tourismusziel interessant zu machen. Nicht verwunderlich daher, dass sich unsere 20-köpfige Delegation ausschließlich aus Veranstaltern für Sportreisen aus der ganzen Welt zusammensetzte (Russland, England, Frankreich, Niederlande, Australien, USA) – und eben uns aus Deutschland. Durch gute Beziehungen (seitens des DTU-Präsidenten Soo-Nam Park) zur KTO wurden der DTU vier Plätze außerhalb dieser Regelung zur Verfügung gestellt. So waren wir – Reiner Hofer, Horst Sperling, Peter Bolz und der Autor – für Deutschland und als einzige

Taekwondo-Vertreter unterwegs. Die Möglichkeit nach Korea zu reisen und das Heimatland des Taekwondo kennen
zu lernen, hat mich völlig

märkte

unvorbereitet getroffen und zugleich freudig überrascht – anfangs konnte ich es gar nicht glauben. Meine Aufgabe war, im Rahmen meiner Funktion im Bundesvorstand der Sportjugend, die Kontakte zu KTO und den Verantwortlichen vor Ort zu knüpfen, so unter anderem im „Taekwondowon“. Hintergrund ist, dass die Sportjugend seit längerem einen wechselseitigen Jugendaustausch nach Korea plant – 2014 soll er nun Wirklichkeit werden. Die Weichen für die Anerkennung als bilateraler Partner durch die dsj und das BMFSJ (und den damit verbundenen erheblichen Fördermitteln) wurden durch die Sportjugend auf jugend-politischer Ebene bereits im Jahresverlauf

2010/2011 gestellt – Südkorea ist seitdem als Partner anerkannt. Deutsch-Koreanische Freundschaft Die Begleitung durch Soo-Nam Park erwies sich für uns als sehr vorteilhaft und „tür-öffnend“, ermöglichte er doch so manchen
Zugang und zusätzlichen Gesprächspartner. Aber der Reihe nach: Das Programm war vom ersten Tag an straff durchorganisiert und Taekwondo spielte dabei eine große Rolle. Service, Organisation und Locations der Reise waren von besonderer Qualität – man hat offensichtlich weder Kosten noch Mühen gescheut, den Aufenthalt als gigantisches Erlebnis zu gestalten. Was wir erlebt und an Gastfreundschaft erfahren haben, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Es wurde deutlich, dass zwischen Deutschland und Korea eine besonders enge Verbundenheit besteht. Deutschland wird als großes Vorbild und immer hilfsbereiter Partner gesehen, auch das Thema der erfolgreichen deutschen Wiedervereinigung bewegt die Koreaner sehr und dient als mögliches Vorbild. Unsere Dolmetscherin und Reiseleiterin

war Maria Kilsoon Shin, die als junge Frau in den 60ern für eine Jahr als Krankenschwester nach Deutschland gekommen
war. Mittlerweile hat sie schon viele Prominente aus Sport, Wirtschaft und Politik betreut – auch im Fernsehen (VOX) war sie bereits mehrfach zu sehen. Sie stand uns immer mit Rat und einem reichen Erfahrungsschatz zur Seite.
Glückliche Ankunft

Tag 1 – Endlich angekommen! Nach fast elf Stunden Flug und einer Zeitverschiebung von neun Stunden haben wir das Land der aufgehenden Sonne erreicht. Wir sind ziemlich ausgelaugt, an Schlaf war trotz des großräumigen Platzangebotes und der überdurchschnittlichen Versorgung im A380 nicht wirklich zu denken. Start 19:45 in Frankfurt – Landung 13:10 in Incheon Int. Airport (kurz vor Seoul). Die Fahrt in die koreanische Landeshauptstadt war beeindruckend – allein die Skyline: atemberaubend. Es sind 26 Grad Außentemperatur – strahlend blauer Himmel – die Sonne lacht – kurz, es ist noch Sommer. Ankunft im „Ramada“, einem Hotel der gehobenen Klasse – Service und Zimmer (mit Kühlschrank, Waschmaschine, Küche usw.) sowie Abendessen sind Extraklasse. Wir sind hundemüde – schlafen geht aber

nicht, wir haben ein übervolles Programm und müssen unseren Biorhythmus erst anpassen. Daher: Ausflug in die Seouler City – Reiner hat die Karte, kann sie aber nur bedingt lesen. Einfach großartig, nahezu postmodern und völlig entspannt. Erstaunlich: überall nur Hyundais, meist größere Limousinen (die es zum Teil in Europa gar
nicht gibt) – Kleinwagen scheinen hingegen unbekannt. Wir treffen die restlichen Delegations-Teilnehmer. Deutschland stellt unter Leitung von Großmeister Soo-Nam Park das größte (und einzige Taekwondo-) Team. Wir treffen wichtige Leute: Schon am Flughafen begrüßt uns der Direktor der KTO persönlich. Später treffen wir Mr. Choi, seines Zeichens Secretary General der World-CTU, sowie Mingwan Koo, den Entwickler von Taekwonsoft. Wir lassen den Abend in ausgelassener Stimmung ausklingen. Da Horst verräterischer Weise bekannt gab, dass ich Geburtstag habe, wird kurz vor Mitternacht auf unerfindliche Weise eine Geburtstagstorte samt Kerzen besorgt – eine gelungene Überraschung! Seoul scheint nie zu schlafen. Es gäbe noch unendlich viel mehr zu erzählen …  Aber ich muss ins Bett, es ist 1:15 Uhr Orts-zeit und um 6:30 Uhr klingelt der Wecker – wie gesagt, ein straffes Programm! Morgen besuchen wir das Kukkiwon. 

Erste Station Kukkiwon


Tag 2 – Heute klingelte bereits um 6:30 Uhr der Wecker respektive die Rezeption. Frühes Aufstehen war angesagt. Nach der Geburtstagsfeier sind wir erst spät ins Bett gekommen, auch der Jetlag machte sich 

bemerkbar: Bereits um 4 Uhr rüttelte mich mein Körper irrtümlich aus dem Schlaf. Naja was soll’s: Es erwartete uns ein strahlender Morgen im Land der aufgehenden Sonne (… und immerwährenden Freundlichkeit). Los geht’s: Ausgiebiges koreanisches
Frühstück unter fachkundiger Anleitung von Soo-Nam Park (schmackhaft, auch wenn man nicht immer wusste, was man gerade aß oder es auch gar nicht so genau wissen wollte). Erstes Tagesziel heute: „Kukkiwon“ – das Welt-Hauptquartier des Taekwondo. Unser Eindruck? Kurz: Es war kleiner als gedacht, drinnen erwartete uns dafür eine atemberaubende Show des Kukkiwon-DemoTeams, die ich – dank Kenntnis der Choreografie – diesmal einigermaßen gut in den Kasten bekam. Quer durchs Land Weiter zum National-Museum fü

wachablösung

r frühgeschichtliche Kunst unter anderem der Silla-Dynastie, dann zum Mittagessen mit „Stäbchenübungen“. Gar nicht so leicht, dennoch geschafft und auch
satt geworden. Weiter ging es mit dem KTX – einem Hochgeschwindigkeitszug. Knapp 400 km lagen nun vor uns an die Südspitze Koreas, dort sollte der Formel-1 Grandprix statt finden. Während der sehr bequemen Zugfahrt nahm mich Maria unter ihre strengen Fittiche. Sie versuchte mir zu vermitteln, wie man die Buchstaben des koreanischen Alphabets spricht und schreibt – das Ergebnis ist unter den von mir versandten Postkarten zu sehen. Endlich angekommen – das übliche Prozedere: Check-In. Davor: blankes Staunen – das Hotel war nagelneu für die EXPO-2011 gebaut worden und bewegte sich mindestens in der 5-Sterne-Kategorie – alles Marmor – alles weiß – postmodernes Design – einfach toll. Mehrgängiges Abendessen in einem anderen Hotel – vom Feinsten. Reiner musste für das „Team Germany” eine Rede halten: Die gastgebende KTO (Korea Tourism Organization) machte er kurzerhand zur Korean Taekwondo Organization – hat halt gerade gut gepasst. Geistesgegenwärtig übersetzte Maria aber richtig ins Koreanische, so dass auch wir weiterhin am Dinner teilnehmen durften. Morgen geht es dann zum mit Spannung
erwarteten Formel-1 Grandprix. Wir sind übereingekommen, uns erst 7 Uhr wecken zu lassen – das muss reichen. Ich würde gern mehr schreiben – Peter hat jedoch an-gemahnt, ich solle mich bitte kurz fassen.

Tag 3 – Besonderer Höhepunkt des Tages war ohne Zweifel das Formel-1 Rennen. Es ist schon etwas völlig anderes, hautnah dabei zu sein – unter anderem als Webbers Bolide schräg vor unserer Tribüne in Flammen aufging. Am Vormittag besuchten wir eine Hotelanlage, die wie ein kleines Dorf aus einzelnen traditionellen Häusern bestand. Eines durften wir dabei „unfreiwillig“ besichtigen – offenbar durch einen Übersetzungsfehler wurde auch gleich das „Hausinnere“ in Augenschein genommen – die Bewohner nahmen es (in Ermangelung anderer Optionen) gelassen. Abends gab es als Tagesabschluss eines der größten Wasser-Musik-Lichtspiele Koreas zu bestaunen – sehr eindrucksvoll. Kurzer Nachtrag: Vettel hat erwartungsgemäß gewonnen und wir dafür eine große (und ebenso teure) Runde Bier an unsere gesamte Delegation verloren. Naja, was soll’s, die russischen Delegationsmitglieder wurden auf Wodka für einen Tag später festgelegt … 

Tirol auf Koreanisch


Tag 4 – Am vierten Tag besuchten wir ganz im Süden Koreas einen Naturpark mit ausgedehnter Sumpflandschaft, in der Süßwasser und Salzwasser zusammenfließen. Schaute man genauer hin, konnte man das Mittagessen in Form kleiner Schalentiere zu „Hunderten“ hin und herlaufen sehen. Danach ging es zu dem Nachbau eines historischen koreanischen Dorfes, das wie vor 100 Jahren errichtet worden war. Nicht nur dessen Größe überwältigte, sondern
auch die Tatsache, dass alle Gebäude tatsächlich bewohnt waren. Umschlossen war das Dorf von einer Umfassungsmauer, die sowohl einen guten Überblick bot, als auch unserem wie immer recht knappen Zeitplan entgegen kam. Höhepunkt des Tages: einer der rund 12.000 buddhistischen Tempel in Korea. In den Bergen an einem steinigen Fluss gelegen, erwartete uns eine ausgedehnte Tempelanlage mit vielen traditionellen Pagodenbauten – eine andere Welt. Die Führung übernahm ein junger amerikanischer Mönch, der sich dem Klosterleben verschrieben hatte. Allein zehn Stunde am Tag verbringen die Mönche mit zahlreichen meditativen Gebeten. Interessant: In einer
zwei Kilometer messenden Waldzone rund um das Kloster herum dürfen keine „Früchte des Waldes“ (wie Wurzeln, Kräuter, Pilze) geerntet werden – diese sind dem kargen Speiseplan der Mönche vorbehalten. Am Abend erreichten wir unser Hotel – und waren nicht schlecht überrascht. Wir befanden uns einer koreanischen Skiregion, die auch 1:1 in den Alpen hätte stehen können. So verwunderte es nicht, dass unser Hotel „Tirol“ von einem Österreicher erbaut wurde. Um ehrlich zu sein, ich fand es sogar fast noch originaler als das Original. Im Taekwondowon


Tag 5 – Heute war ein großer Tag! Wir zu Gast im „Taekwondowon“ (bisher Taekwondopark). Der Zusatz „won“ bedeutet hier so viel wie lehren und lernen – hier soll auf rund 2.500 km2 die Einheit von Körper, Geist und Seele hergestellt werden. Im April 2014 steht nach fast zehnjähriger Bauzeit die Eröffnung des Taekwondowon an. Es ist einfach unglaublich, was in den Bergen von Muju in der Provinz Jeollabukdo für rund eine halbe Milliarde Dollar errichtet wurde. Alles ist unglaublich groß und kreativ gestaltet – malerisch eingebettet in den Bergen, wurde eine ganze Parklandschaft erschaffen. Neben einem Fluss und Bambuswäldern gibt es unter anderem auch ein Observatorium mit MonoRail. Letztere sei wohl die erste ihrer Art in Korea und wurde erst am Vortag in den
(Test)betrieb genommen. Allerdings noch nie mit einer echten Personengruppe – diesem Missstand konnten wir abhelfen.

Zurück nach Seoul


Tag 6 – Ein neuer Tag, bestes Wetter – aber leider kein Frühstück. Jedenfalls nicht in unsrem Hotel. Unsere Gastgeber von der KTO wollten uns an einem typisch koreanischen Frühstück teilhaben lassen, und das direkt vor Ort. Wie immer gab es, was die Natur so hergab: Gemüse, Kräuter, Fisch, Fleisch und Schalentiere, die aus der Suppe schauten, sowie natürlich Reis. Die Unterscheidung zum Mittag- und Abendessen ist für den normalen Mitteleuropäer 
nur schwer möglich, vor allem weil der Speiseplan derart vielfältig und ungewohnt anders ist. Oft herrschte daher Platzmangel auf unserem Tisch. Viele Speisen wurden uns genau erklärt, bei einigen wollten wir es dann auch gar nicht ganz so genau wissen – insgesamt alles durchaus schmackhaft und mit Sicherheit sehr gesund. Im Anschluss: Rundgang durch die Altstadt mit ausschließlich traditionellen Wohnhäusern und einem Park mit Tempelanlage zu Ehren des Großkönigs Sejong, der im 15. Jahrhundert die Hangul-Schrift eingeführt hatte und damit die Loslösung von den bisher gebräuchlichen chinesischen Schriftzeichen ermöglichte. Nicht weit davon eine der insgesamt drei christlichen Kathedralen in Korea. Es geht zurück Richtung Seoul: kurzer Stopp an der Westküste. Dort hat man zur Landgewinnung versucht, große Flächen trocken zu legen – hier gibt es auch eine der mit etwa 33 Kilometern längsten Landverbindungen durch die Bucht. Noch vor der Ankunft werde ich im Bus nach vorn gebeten: Mir wird eröffnet, dass ich am nächsten Morgen 8 Uhr dem koreanischen Sender KBS-1 ein Interview geben soll. Ich bin etwas (an)gespannt … In Seoul schließlich angekommen: Überraschung! Unser Abendessen ist erstmals nicht koreanisch, sondern wurde in einem Western/Steak-Restaurant bestellt – alle haben davon ausgiebig Gebrauch gemacht. Danach eine koreanische Theatervorführung „live“ – trotz fortgeschrittener Müdigkeit einfach nur toll. 

Abschied mit Aussicht auf Wiederkehr


Tag 7 – So spät der Vortag endete, so früh begann dafür der Nächste. Start war 8 Uhr mit dem Interview für „KBS-1 Worldradio“
– und zwar anders als gedacht. Nicht als Übersetzung ins „koreanische“, sondern tatsächlich als ein in „deutsch“ ausgestrahltes Interview. Letztlich lief alles recht reibungslos – für Wiederholungen war sowieso keine Zeit – wie immer saß uns der Zeitplan im Nacken. Das Interview dauerte
ganze 20 Minuten – ich denke, dass ich nicht allzu viel Blödsinn erzählt habe (Link: auf dtu.de). Start in die weitläufige Tempelanlage des Kaisers in Seoul mit Wachablösung in traditioneller Aufmachung – sehr spektakulär. Anschließend noch ein Blick auf das „Blue House“, den offiziellen Amtssitz von Koreas Präsidentin Park – sofern man sich nicht bereits in dem weitläufigen Areal verlaufen hat, was Peter und mir fast passiert wäre. Am späten Nachmittag, das erste Mal „Freizeit“ und Schlendern durch eine Marktpassage.

Tag 8 – Am letzten Tag hieß es dann Ab-schied nehmen. Es war eine absolut tolle Zeit mit vielen Eindrücken, die man erst nach und nach richtig verarbeiten kann. Bleibt zu hoffen, dass es uns 2014 tatsächlich gelingt, den geplanten Jugendaustausch durchzuführen. „Gamsahamnida“ dass wir dabei sein durften.

http://www.taekwondo-aktuell.de

Bericht und Bilder: Stev Brauner