Schreibwettbewerb

In den letzten Monaten haben wir kreative Kinder und Jugendliche zum Schreibwettbewerb aufgerufen. Mit dem 31. Oktober endete unser Wettbewerb und im nächsten Heft erfahrt Ihr, wer die Gewinner sind. Doch zuvor möchten wir Euch noch einen sehr gelungenen Beitrag präsentieren:

Einer für alle, alle für einen

„Mama, schau mal!“, rief ich fasziniert aus und zupfte aufgeregt am Ärmel meiner Mutter. Mit großen Augen beobachtete ich begeistert, wie die Kinder und Jugendlichen vor mir spektakuläre Kicks ausführten und die Halle mit lauten Schreien erfüllten. „So etwas möchte ich auch können!“

Das habe ich mir vor genau sechs Jahren gedacht, als ich zum ersten Mal den Taekwondoka des ZfKs Gera und des jetzigen TSV 1880 Gera beim Trainieren zugeschaut habe. Ich war gerade in die 4. Klasse gekommen und für mich stand eindeutig fest: Auch ich möchte einen weißen Anzug mit Gürtel tragen und solch tolle Techniken vollführen können. Damals stand für mich die Bewegung im Vordergrund, das durch die Luft wirbeln, die schnellen und kraftvollen Schläge und Tritte, sowie dass ich mich eines Tages gegen Angriffe zur Wehr setzen könnte. Dass Taekwondo jedoch viel mehr als nur eine reizende Sportart ist, war mir zu jener Zeit noch nicht bewusst gewesen.

Natürlich schätze ich heute ebenfalls die sportlichen und körperlichen Aspekte der koreanischen Kampfkunst. Ich liebe es, mich im Training auszupowern und danach erschöpft, aber zufrieden nach Hause zu gehen. Doch ich habe gelernt, dass es neben dem Tae und dem Kwon auch das Do gibt. Die Disziplin, Etikette, das Durchhaltevermögen, den Willen, niemals aufzugeben, die Hilfsbereitschaft und Kameradschaft.

Ich erinnere mich, als mein Trainer einmal am Ende des Unterrichts noch eine Einheit Krafttraining anordnete. Allerdings war ich bereits völlig fertig von den ganzen Übungen, welche wir zuvor bewältigen mussten. Hinzu kam, dass mich viele persönliche Probleme belasteten. So konnte ich nicht verhindern, dass mir letztlich Tränen über die Wangen flossen, als ich an meine körperlichen Grenzen kam.

michel

Viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf umher, vor allem meine Sorgen und Ängste, Probleme und Schwierigkeiten, welche ich noch zu bewältigen hatte. Am liebsten hätte ich mich auf den Boden fallen gelassen, zu einer undurchdringbaren Kugel zusammengerollt und wäre liegen geblieben, bis alles vorbei gewesen wäre. Aber ich gab nicht auf, biss die Zähne zusammen und hielt bis zum Schluss durch, obgleich mein innerer Schweinehund mir zuflüsterte, dass ich es nicht schaffen würde.

Nach dem Training kamen meine Freunde zu mir. Nahmen mich in den Arm. Trösteten mich. Teilten mein Leid. Sie sprachen kein einziges Wort. Sie waren einfach nur „da“ für mich. Es dauerte nicht lange, bis ich ihnen ein schwaches Lächeln schenken konnte. Ein Lächeln, welches all meine Dankbarkeit und Verbundenheit ausdrückte. Einer für alle – alle für einen. Das ist es, was mein Taekwondo-Team wirklich ausmacht.

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Autor: Michelle Tunger, 15 Jahre alt 

TSV 1880 Gera